Laurin und der kleine Rosengarten (6 von 6)
"Riesen seh’ ich kommen, da muss ich euch helfen", rief Hildebrand und trat an Dietleibs Seite.
Tief im Kerker sprach Wittig: "Wollen wir nun müßig stehen, Wolfhart?",
"In den Kampf sollen wir gehn!", rief Wolfhart. "Wo wir Lärm schallen hören, dorthin lass uns dringen und blind mit dem Schwert drein hau’n."
Sie rückten die Helme und Schilde zurecht und stürmten dem Lärm nach. Da rief Kunhild sie an: "Ihr Helden, wartet; nehmt jeder einen Goldreif an den Finger, dass ihr eure Feinde sehen könnt."
Freudig nahmen sie die Gabe und sahen vor sich die unzählbar vielen Zwerge; mit scharfen Schwerthieben fegten sie sich Bahn durch die dichten Reihen, bis sie zu ihren Genossen vor die Riesen kamen. Die wären gern woanders gewesen; jeder der Helden nahm einen vor, und sie schlugen in ihre langen Leiber so viele Wunden, bis die Riesen zu den erschlagenen Zwergen sanken. Ängstlich entfloh das kleine Volk scharenweis in seine dunklen Schlupfwinkel; die mutigsten hielten noch stand an Laurins Seite; als der aber sah, wie die Berner niemand verschonten, fiel er Dietrich zu Füßen und bat: "Leib und Leben ergeb’ ich deiner Gnade, gib den Zwergen Frieden." Aber zornig antwortete Dietrich: "Du hast uns die Treue gebrochen; du und die zu dir gehören, müssen das Leben lassen."
Das hörte Kunhild und eilte herzu: "Edler Herr Dietrich", sprach sie, "um aller Frauen Ehre bitte ich dich; gib mir frei Laurin und der Zwerge Volk: schone ihres Lebens." Und da Dietrich sich weigerte, fuhr sie fort: "Man rühmt dich gütig und milde; nun erweise deine Tugend!"
"Tu’, wie dich die Königin bittet", sprach Hildebrand, "nimm Laurin als Gefangenen mit nach Bern; die Zwerge aber sollen dir untertan sein, mit all ihren Schätzen." Und auch Dietleib bat für die Besiegten um Gnade.
"So sei’s denn", sprach Dietrich, "wie du bittest, Jungfrau", und Wolfhart und Wittig, die noch kämpften, rief er an: "Lasst ab vom Streit; ich habe ihnen Frieden gegeben."
Nun machten sie sich zum Scheiden bereit; der hohe Berg wurde einem fürstlichen Zwerg übergeben, der schwur Dietrich treu zu dienen. Mit Gold und Kleinodien beluden sie ihre Pferde, dann wurde auch Kunhild auf ein Ross gehoben, und Laurin führten sie in ihrer Mitte mit sich nach Bern.
Vierzehn Tage weilte Kunhild dort. "Lass dir Laurin befohlen sein, Herr Dietrich", sprach sie dann, "er machte mir untertan alles, was sein war im hohlen Berg; das lass ihn nun entgelten." Das gelobte ihr Dietrich; bei ihrem Scheiden aber schrie und heulte Laurin so sehr aus unmäßigem Weh, dass auch Kunhild zu weinen begann. Da fasste Dietleib die Schwester und führte sie hinweg und brachte sie auf sein Schloss, wo sie sich bald einem gar edeln Manne vermählte.
Laurin ward dem alten Ilsung übergeben und bald schwuren Dietrich und Laurin sich treue Freundschaft, die nie gebrochen ward.

