Laurin und der kleine Rosengarten (3 von 6)
"Suche mit ihm zu ringen", riet ihm Hildebrand, "dann wirst du seiner Herr werden."
Kaum hörte Laurin das, da zeigte er sich wieder; das Schwert warf er weg, unterlief Dietrich, umspannte ihn bei den Knien und beide fielen in den Klee.
"Zerbrich ihm den Gürtel!",, rief Hildebrand wieder. Dietrich wurde nun zornig; Feueratem glutete aus seinem Mund, er griff dem Zwerg in den Gürtel, hob ihn auf und stieß ihn so heftig auf die Erde, dass der Gürtel barst und in das Gras fiel. Schnell nahm Hildebrand den Gürtel an sich. Nun hatte Laurin seine Kraft verloren, und Dietrich warf ihn nieder auf den Boden. Da heulte der Kleine, dass es über Tal und Hügel schallte: "Lass mir mein Leben! Ich will dein eigen sein mit allem, was ich habe."
Aber der Berner zürnte und wollte ihn töten.
"Hilf mir! Dietleib", bat Laurin, "wegen deiner Schwester, die mein ist."
Dietleib bat alsogleich: - aber vergebens: - da sprang er aufs Ross, ergriff den Zwerg, riss ihn zu sich in den Sattel, entführte ihn über die Heide und versteckte ihn in einem hohlen Baum.
"Mein Ross, Meister Hildebrand!", befahl Dietrich, sprang auf und jagte den Entfliehenden nach. Hildebrand, Wolfhart und Wittig folgten ihm.
Nachdem Dietleib Laurin verborgen hatte, ritt er Dietrich entgegen und bat noch einmal: "Überlass mir den Zwerg!" Das machte den Berner gar zornig; er senkte den Speer, Dietleib wollte nicht weichen; sie ritten einander an und stachen einer den andern aus dem Sattel. Sie schwangen die Schilde empor und zogen die Schwerter; Dietleib schlug Dietrich den Schild aus der Hand, dass ihm das Schwert zugleich Wehr und Waffe, - Schutz und Trutz -, sein musste.
"Wolfhart und Wittig", sprach Hildebrand nun, "laufet ihr Dietleib an und steckt ihm das Schwert in die Scheide; ich zwinge meinen Herrn."
Während Dietleib von jenen bezwungen wurde, zog Hildebrand den Berner zur Seite und ließ nicht ab von ihm, bis auch er sein Schwert einstieß. Sie mussten Frieden schliessen, und Laurin wurde darin aufgenommen.
Dietleib holte ihn aus jenem Versteck und befragte ihn über seine Schwester. "Kunhild ist aller Zwerge Königin", erzählte Laurin: "Ich sah sie einst unter der Linde mit ihren Genossinnen; ungesehen kam ich dahin geritten; schnell fing ich sie bei der Hand, warf ihr die Helkappe über, schwang sie vor mich aufs Ross und ritt mit ihr in den Berg und niemand konnte uns sehen. Nun fehlt es ihr an nichts; ich bin kein armer Mann und bald soll unsre Hochzeit sein."
"Lass mich meine Schwester sehen", sprach Dietleib, "und ist alles so, dann will ich sie dir zur Frau geben."
Hildebrand nahm Dietrich beiseite und brachte es zuwege, dass Laurin als Geselle aufgenommen wurde; Wittig hatte keine Freude an dem neuen Speergenossen.

