Laurin und der kleine Rosengarten (2 von 6)
"Ich fürchte, er trägt uns großen Hass und das mit Recht", antwortete Dietrich und beide grüßten den Zwerg, als er ihnen nahte, aber zornig fuhr er sie an:
"Wer hat euch Narren heißen hier niedersitzen und eure Rosse auf meinem Anger grasen lassen? Wer hat euch her gebeten, dass ihr meine lieben Rosen nieder tratet? Den rechten Fuß, die linke Hand büße mir jeder von euch."
"Kleiner, lass deinen Zorn", antwortete Dietrich, "um Hand und Fuß pfändet man nicht edle Fürsten, die reiche Buße in Gold und Silber bieten. Zur nächsten Maienzeit wachsen andre Rosen wieder."
"Ich habe mehr Goldes als eurer drei", sprach Laurin, "und schöne Fürsten mögt ihr sein! Hab’ ich euch doch nichts zuleid getan, ihr aber verwüstet meinen Garten. Begehrtet ihr Kampf, so hättet ihr mir ihn ansagen müssen: - Das wäre fürstlich getan."
"Höre, wie uns der Zwerg verhöhnt!", brauste Wittig auf, "am liebsten nähm’ ich ihn bei den Füßen und schmisse ihn an die Felsenwand."
"Kluger Mann", mahnte Dietrich, "tut oft, als hör’ er nicht, und spart seinen Zorn bis zur Not."
"So darfst du fürder keine Maus mehr erschrecken, wenn du das Gezwerg dort fürchtest! Er reitet ja ein Ross wie eine Geiß; tausend seinesgleichen will ich bestehen."
"Bist du gar so kühn", rief Laurin, "so komm und kämpfe mit mir."
Wittig gürtete sein Ross fester, sprang auf und ritt Laurin an; der stach ihn mit dem ersten Speerstoß nieder in den Klee; dann stieg er hurtig ab und wollte dem Besiegten Hand und Fuß nehmen. Das verdross Dietrich, er sprang hinzu und hielt sein Schwert über Wittig:
"Nichts da, kleines Wunder! Der Held ist mein Speerbruder; tätest du ihm solch Leid an, hätte des der Berner ewig Schande."
"Bist du der Berner? Willkommen! Gib nur gleich auch Hand und Fuß her."
Nun erzürnte Dietrich, sprang auf seinen Hengst Falka und wollte den Zwergenkönig anrennen. Da kam Meister Hildebrand auf den Anger geritten; er war aus Besorgnis seinem Herrn gefolgt; Wolfhart, seinen Neffen, und Dietleib hatte er mitgenommen.
"Höre mich, Dietrich", rief der Waffenmeister, "so bezwingst du den Zwerg nicht; steig ab, besteh’ ihn zu Fuß, nimm dein Schwert und schlag’ ihn mit dem Knauf um die Ohren."
Dietrich folgte der Lehre: "Nun räche an mir deinen Rosenverdruss, Kleiner", rief er. Laurin lief Dietrich zu Fuß an und schlug ihm mit einem Schlag den Schild vom Arm. Zornig tat Dietrich einen Hieb auf den goldenen Leopardenschild, dass er Laurin aus der Hand fiel, und nun fasste er sein Schwert an der Spitze und schlug mit dem Knauf so gewaltig auf den kunstvollen Helm, dass Laurin Hören und Sehen verging; er wusste nicht mehr, wo er war; aber hurtig zog er aus seiner Tasche eine Helkappe, streifte sie über sein Haupt und machte sich damit unsichtbar; und nun fiel er Dietrich von allen Seiten an. Der vermochte nicht, sich des Unsichtbaren zu erwehren; mit großem Zorn schlug er nach ihm in die Steinwand; das Gestein spaltete, der Zwerg war zur Seite gewichen.

