Laurin und der kleine Rosengarten (1 von 6)
Einst saßen Dietrichs Speerbrüder zu Bern und priesen seine Taten und nannten ihn den ersten vor allen Helden. "Ich weiß in Bergen wilde Zwerge wohnen", sprach Meister Hildebrand, "mit ihnen hatte Dietrich nie zu streiten; hätte er die besiegt, dann wollt’ auch ich ihn den Ersten über alle loben, aber ..."
"Du fabelst nur von solchem Gezwerg, Meister Hildebrand", fiel Dietrich ein; er war unbemerkt eingetreten und hatte die letzte Rede gehört. Zornig fuhr Hildebrand auf: "Weil ich dich vor Unsieg bewahren wollte, verschwieg ich’s. Laurin heißt der Zwerg: kaum drei Spannen hoch, hat er schon manchen Helden in den Rasen geworfen; ihm dienen viele tausend Zwerge als ihrem König. In den Tiroler Bergen hat er sich einen Rosengarten erzogen; von rot seidenem Faden ist der umhegt; wer den Faden zerreißt, muss es ihm büßen mit der rechten Hand und dem linken Fuß."
"Die Rosen will ich sehen und komm’ ich auch in große Not! Wer reitet mit?", fragte Dietrich.
"Ich reite mit dir, und die Rosen tret’ ich nieder", rief Wittig, und sofort machten sie sich auf die Fahrt. Bald erreichten sie das Gebirg und ritten lange durch dichten Wald; dann kamen sie auf einen grünen Anger vor einen Rosengarten, der war umhegt mit rot seidenem Faden. Mit Goldborten und rotem Gestein waren die Rosen geschmückt und süßer Duft ging von ihnen aus.
"Das mag wohl der Garten sein, von dem uns Hildebrand sagte", sprach Dietrich. "Tag und Nacht würd’ ich der Rosen nicht überdrüssig, ließe mich Laurin hier."
"Ich muss ihm seinen Hochmut austreiben", zürnte Wittig und schlug die Rosen ab; den Goldschmuck trat er nieder, der Faden ward zerrissen. Sie setzten sich ins Gras und warteten, was nun geschähe. Alsbald kam ein Zwerg daher geritten auf scheckigem Pferd, nicht größer als ein Reh. Das war Laurin; er trug einen Gold umwundenen Speer in der Hand; seine goldene Brünne war in Drachenblut gehärtet, darüber trug er einen Zaubergürtel, der gab ihm zwölf Männer kraft. An der Seite hing ihm ein spannenlanges Schwert mit goldenem Griff, das schnitt Eisen und Stein. Sein Beingewand war rot wie Blut, sein Wappenrock aus farbiger Seide gewirkt und Edelsteine waren darauf genäht. Golden war sein Helm, rote Rubine und ein leuchtender Karfunkel staken darin, und oben darauf prangte eine Goldkrone, auf der waren mit allerlei Zauber Vöglein angebracht, die sangen, als seien sie lebend. In seinem goldfarbenen Schild stand ein goldener Leopard, springend, als wäre er lebend. Von Elfenbein war sein Sattel, die Decke golden, von Golde der Zügel und alles mit Edelsteinen geziert.
"Hilf, Herr!", rief Wittig, "das mag ein Lichtelbe sein."

